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Wir sind nicht länger allein" Ich muss mich vor den syrischen Sicherheitskräften versteckt halten, weil sie mich suchen. Meinen Mann haben sie schon verhaftet. Was ich ihm sagen möchte

May 21, 2011

Ich habe dich noch gewarnt bei unserem letzten Treffen, als du zu mir kamst in mein Versteck. »Geh nicht hin, Wael, es ist zu gefährlich!« Fast haben wir uns gestritten. Weil du Angst um deinen Job hattest, wenn du auf einmal einfach nicht mehr zur Arbeit kommen würdest, und unbedingt noch ein letztes Mal zu deinem Chef gehen wolltest, um nach unbezahltem Urlaub zu fragen. Weil ich strikt dagegen war. Weil ich es für Wahnsinn hielt, in das Büro zu gehen, wo die Sicherheitskräfte schon einmal aufgetaucht sind, um dich zu verhaften. Ich dachte, ich hätte dich überzeugt.

 

Und dann am vergangenen Donnerstag die Nachricht von deiner Verhaftung! Erst hat der Geheimdienst meine Freunde verhaftet, dann meinen Schwager. Und nun auch dich, meinen Mann. Als ich davon erfuhr, hatten sie dich schon einen Tag und zwei Nächte in ihrer Gewalt. Ich dachte, du wärst bei deinen Freunden, sie dachten, du wärst bei mir. Und ich sitze hier und frage mich, warum du trotzdem hingegangen bist.

 

Haben sie auf dich gewartet? Hat dich einer deiner Kollegen verraten? Ich weiß nicht, wo du festgehalten wirst, was sie dir vorwerfen, was sie von dir wissen wollen. Es gibt allenfalls Vermutungen: dass es Sicherheitskräfte der Luftwaffe waren, die dich mitgenommen haben. Jene, die nach Aussagen von Nachbarn auch in unsere Wohnung eingedrungen sind und deinen Bruder mitgenommen haben. Sie sind berüchtigt dafür, besonders brutal zu foltern.

 

Werden sie dich dem Richter vorführen? Ohne Anklage wieder laufen lassen? Oder einfach ohne eine Nachricht irgendwo wegsperren wie deinen Bruder, von dem wir seit drei Wochen nichts gehört haben? Eine Laune des Schicksals: Ich hatte mein Versteck, das du kanntest, bereits verlassen, bevor ich von deiner Verhaftung erfuhr. Der Ort, an dem ich jetzt bin, ist mein sechster Unterschlupf in wenigen Wochen. Nun weißt du nicht, wo ich bin, und ich weiß nicht, wo du bist.

 

Immerhin habe ich jetzt wieder eine gute Internetverbindung. Und was mich trotz all der furchtbaren Umstände fast heiter stimmt: Die Moral der Demonstranten scheint ungebrochen. Die Demonstrationen gehen weiter, wir geben nicht auf. Es gab diese Woche sogar einige kleinere Proteste in Aleppo. Die Sicherheitskräfte haben die Demonstrationen zwar sofort attackiert und viele verhaftet. Und dennoch, ein Anfang ist gemacht!

 

Für mich ist es nach all den Jahren der Arbeit im Stillen, während ich die Familien von politischen Gefangenen vertreten habe und wir uns verlassen fühlten in unserem Schmerz und unserer Verzweiflung über das Regime, ein wunderbares Gefühl, so viele Menschen an unserer Seite zu wissen.

 

Es mag paradox klingen: Du sitzt im Gefängnis, Wael, genau wie dein Bruder und die Mehrzahl meiner Freunde, ich hocke in einem Versteck, in dem ich es nicht einmal wage, das Fenster zu öffnen – und trotzdem fühle ich mich nicht mehr allein. Weil jetzt andere sehen, was wir schon so lange sehen: dass dieses Regime allein die Sprache der Gewalt beherrscht. Weshalb auch das Angebot zum »nationalen Dialog«, das der Informationsminister diese Woche in Namen von Präsident Assad verkündet hat, niemanden überzeugt. Wie sollen wir mit einem Regime reden, das gleichzeitig Tote in Massengräbern verscharrt, wie sie jetzt in Daraa entdeckt wurden? Die örtlichen Koordinierungskomitees, die sich im ganzen Land gebildet haben und sich untereinander abstimmen, haben dazu alles Nötige gesagt: kein Dialog, solange das Töten der Demonstranten weitergeht, solange die Armee Dörfer und Städte belagert, solange friedliche Demonstranten und politische Gefangene zu Tausenden in Gefängnissen und Lagern sitzen, solange die staatlichen Medien unsere Proteste als Vaterlandsverrat und Terrorismus verleumden und das Regime keine unabhängigen Journalisten ins Land lässt. So lange sagen wir: »La hewar, la hewar, arhal, ya Baschar!« Kein Dialog, kein Dialog, tritt ab, Baschar!

 

Natürlich hoffen wir, dass die Konfrontation bald endet. Aber wir können nicht reden, solange geschossen wird. An manchen Tagen denke ich, es wird eine Ewigkeit dauern, gegen dieses Regime irgendetwas zu erreichen. Rami Makhlouf, der Cousin des Präsidenten und Tycoon der syrischen Wirtschaft, hat es in einem Interview mit der New York Times noch einmal klargestellt: Die Führungsclique will kämpfen bis zum Ende. Wie passt das zur angeblichen Dialogbereitschaft? Für mich ist das alles nur Taktik, ein Spiel auf Zeit, in der Hoffnung, dass den Protestierenden die Luft ausgeht.

 

Es wäre schön, mal wieder eine Nacht durchzuschlafen und nicht bis in die Morgenstunden am Computer zu sitzen, um die Namen von Toten oder Verhafteten aufzulisten. Keine drei Schachteln Zigaretten am Tag zu rauchen. Ruhiger zu leben. Sie haben dich, Wael, verhaftet und deinen Bruder, aber eigentlich meinen sie mich. Die Botschaft ist klar: Ich soll mit meiner Arbeit aufhören und mich stellen, oder andere werden den Preis dafür zahlen. Ich soll schweigen und nicht immer wieder die Schattenseiten des Regimes ins Licht rücken:

 

Menschenrechtsverletzungen, unrechtmäßige Verhaftungen, Folter. Ich gebe den Opfern einen Namen und ein Gesicht – und durchkreuze damit die Strategie des Regimes, den Protest als Werk ausländischer Mächte und Terroristen darzustellen. Ich weiß, ich mute euch allen viel zu. Aber ich habe keine andere Wahl.

source; Zeit ONline

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