Featured Posts

Die Menschen sind unsere Munition" Die Syrerin und ZEIT-Autorin Razan Zeitouneh spricht mit dem untergetauchten Aktivisten Ussama Nassar darüber, wie der Protest in ihrem Land weitergehen wird – und ob es ohne Gewalt geht.

December 29, 2011

 

Noch immer gehen in Syrien die Machthaber brutal gegen die Opposition vor. Täglich sterben Menschen. Am selben Tag, an dem das Regime ein Abkommen mit der Arabischen Liga über eine Beobachtermission unterzeichnete, verübte die Armee ein Massaker mit mehr als 120 Opfern, darunter viele Deserteure. Noch immer gibt es keine Veränderung der Machtverhältnisse. Auch wenn nun einige Panzer aus der Protesthochburg Homs abgezogen wurden, auch wenn zuletzt ein gewaltloser landesweiter Generalstreik verhängt worden ist, fragen sich immer mehr Syrer, ob der friedliche Kampf überhaupt noch sinnvoll ist. Er war die Grundlage aller Demonstrationen, aber er hat nicht jene überzeugen können, die glauben, nur durch bewaffneten Widerstand und ausländische Interventionen die Ziele der Revolution umsetzen zu können. Kaum jemand weiß das so gut wie die Aktivisten aus der Stadt Darayya in der Nähe der Hauptstadt Damaskus. Sie sind längst zum Symbol des friedlichen Widerstandes geworden. Der Aktivist Ussama Nassar wurde das erste Mal 2003 verhaftet. Die zweite Verhaftung folgte 2007, das dritte Mal wurde er mit seiner schwangeren Frau während eines Sit-ins in der Nähe des Innenministeriums am 16. März festgenommen. Zwei Wochen später kam er frei, doch am 1. Mai verhaftete ihn erneut der Geheimdienst für zwei Monate. Seitdem lebt Nassar im Untergrund – wie die meisten Aktivisten.

 

Razan Zeitouneh: Ist jetzt Zeit für den bewaffneten Kampf und eine ausländische Intervention?

 

Ussama Nassar: Ich halte das für falsch. Niemand hat gesagt, dass die Revolution in 18 Tagen oder einem Monat vorbei sein würde. Man darf von den Syrern nicht erwarten, dass sie ihr Regime genauso schnell stürzen, wie es in Tunesien oder Ägypten geschah. Einige Revolutionen brauchen nun mal Jahre.

 

Zeitouneh: Aber neun Monate nachdem die Revolution begonnen hat, scheint das für immer mehr Syrer die einzige Möglichkeit zu sein.

 

Nassar: Diese Revolution gründete von Anfang an darauf, dass sie friedlich ist und keine Einmischung aus dem Ausland akzeptiert. Für unseren Kampf ist es am wichtigsten, dass wir Regeln aufstellen und uns an sie halten, ganz gleich, was die Gegenseite tut. Wir sollten nicht den Fehler begehen, das grausame Vorgehen der anderen Seite nun selbst anzunehmen. Wenn diese ihre Vernunft, ihre Moral und ihre Werte über Bord wirft, sollten wir erst recht an unseren festhalten.

 

Zeitouneh: Mancher glaubt, eine bewaffnete Auseinandersetzung könnte die Wende bedeuten.

 

Nassar: Monatelang haben wir friedlich gekämpft – sollen wir nun wirklich aus dem Nichts damit anfangen, den bewaffneten Kampf zu lernen? Es ist zudem unklar, ob eine Militarisierung wirklich dazu führt, dass wir den Kampf schneller gewinnen werden. Wir sind alle nur Menschen, und Menschen machen Fehler. Wenn wir aber welche bei unseren friedlichen Demonstrationen begehen, wird unser Sieg allenfalls verzögert. Welche sozialen und politischen Folgen dagegen Fehler in einem bewaffneten Kampf haben können, haben wir bei den bewaffneten Protesten in den achtziger Jahren gesehen. Der Vorteil der friedlichen Auseinandersetzung ist, dass sie konstruktiv ist und selbst nach dem Fall des Regimes noch nützlich sein kann.

 

Zeitouneh: Für jemanden, der täglich Menschen, die er liebt, zu Grabe trägt, klingt das sehr idealistisch.

 

Nassar: Wir alle leiden darunter, was in Syrien derzeit geschieht, und es ist unsere Pflicht, diesem Blutvergießen und Terror ein Ende zu setzen. Aber deshalb halte ich am Pazifismus fest, denn er ist nicht einfach nur ein Prinzip, er ist das erfolgreichste Mittel. Ich unterstütze auch zivilen Ungehorsam als Mittel für friedliche Eskalationen. Ich weiß, dass dieser Weg viele Fragen aufwirft, die wir jetzt noch nicht beantworten können. Aber wäre das bei einem bewaffneten Kampf anders? Wer würde uns die Waffen und die Munition stellen? Bis wann? Und zu welchem Preis? Die Regimekräfte haben alle Möglichkeiten: Sie haben Planungsstäbe, Munition, Waffen, Infrastruktur. Im friedlichen Kampf sind unsere Munition die Menschen und unsere Fähigkeit, sie davon zu überzeugen, endlich frei sein zu wollen.

 

Zeitouneh: Woher nimmst du deine Sicherheit?

 

Nassar: Wir haben doch erlebt, wie die erste Intifada der Palästinenser Jahre dauerte und schließlich die Welt davon überzeugte, dass die palästinensische Sache richtig ist. Die zweite Intifada dagegen war bewaffnet, und seitdem haben die Palästinenser fürchterliche Verluste erlitten, ohne wirklich viel gewonnen zu haben.

 

Zeitouneh:Libyen ist ein Gegenbeispiel.

 

Nassar: Es stimmt, dass in Libyen die Stadt Bengasi in nur wenigen Tagen durch Rebellen erobert wurde – aber danach folgten monatelange Kämpfe, obwohl die Nato und die libyschen Rebellen stark waren. Auch in Syrien könnte man eine Flugverbotszone fordern, aber der Einsatz von Flugzeugen gegen Demonstranten ist nicht unser größtes Problem. Und seine notwendigen Lieferungen bekommt das Regime nicht nur über den Luft-, sondern auch über den See- und Landweg.

 

Zeitouneh: Konzepte wie beispielsweise ziviler Ungehorsam werden nicht mehr ernst genommen in der Bevölkerung.

 

Nassar: Das stimmt nicht. Die Demonstrationen bilden unser Rückgrat, aber daneben gibt es eine Reihe anderer friedlicher Aktionen: die mittlerweile berühmt gewordenen Graffiti gegen das Regime, Pamphlete, Revolutionslieder und -gedichte. Wir haben auch unsere eigenen syrischen Erfindungen, wie zum Beispiel das Verstecken von Lautsprechern an öffentlichen Plätzen, um dann laut regimekritische Lieder zu spielen. Unser Ziel ist es, den zivilen Ungehorsam durchzusetzen. Das mag weit hergeholt klingen, aber vor dem 14. März 2011 war allein die Idee einer Demonstration in Syrien unvorstellbar.

 

Zeitouneh: Wie erfolgreich sind diese Aktionen?

 

Nassar: Sie haben derzeit noch recht begrenzte Wirkung, aber ihr Potenzial, viele Menschen zu erreichen, ist groß. Jeder kann sich daran beteiligen. Wenn wir uns für die militärische Lösung entscheiden, dann wird diese Revolution von jungen Männern gemacht. Wir würden Frauen, Ältere und viele andere ausschließen.

 

Zeitouneh: Einige behaupten, dass ausgerechnet das, was in deiner Stadt Darayya passiert, Beweis für das Scheitern der friedlichen Auseinandersetzung ist. Durch die Gewalt des Regimes werden die Demonstrationen weniger – in anderen Städten, wo sich die Demonstranten zur Wehr setzen, bleiben die Protestierer dagegen sehr aktiv.

Nassar: Es stimmt, dass die Gewalt in Darayya die großen Demonstrationen erst einmal gestoppt hat. Aber gleichzeitig haben die Jungen sich neue Protestformen überlegt. Darayya ist im Vergleich zu anderen Städten sehr bekannt. Und das ist für uns eine günstige Rechnung: Wir bekommen sehr viel Aufmerksamkeit, mehr, als die Stadt eigentlich verdienen würde – denn seit dem Beginn der Revolution hatten wir hier 13 Tote und über 700 Verhaftungen. Andere Städte und Regionen haben viel stärker gelitten.

 

Tags:

Please reload

ثلاثة أيام من الأمل على طريق الخروج من الحصار

December 10, 2013

1/10
Please reload